Teil 2: Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Schuhs

 

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Fortsetzung:

Ab etwa 500 v. Chr. tritt der Bundschuh auf.
In der Antike entwickelten sich Schuhe zum Allgemeingut. Von ägyptischen Zehenstegsandalen mit diagonal über den Fußrücken laufenden Schaftriemen bis zu römischen Sandalen, deren Riemenbefestigung teilweise als sogenannte Stiefelsandalen bis unter das Kniegelenk reichten wurde die Schuhmode vielfältiger.
Foto-Bundschuh-Germanic_shoe(Quelle: Bullenwächter – Deutsches ­Ledermuseum Offenbach, Germany)

Die aus dem byzantinischen Einflussbereich stammenden ersten geschlossenen Schuhe und Pantoffeln sind zeitlich auf Ende des vierten Jahrhunderts bestimmt.
Aus dem Hoch- und Spätmittelalter stammen die Schnabelschuhe und flache, sehr breite Schuhe, die man Kuhmaulschuhe oder Bärentatzen nannte.


Foto-SchnabelschuheSchnabelschuh: (Quelle: Waggerla, Wikipedia auf Deutsch – Meyers Konversationslexikon)

Im Mittelalter (800 bis etwa 1.500 n. Chr.) wurden im nördlichen und mittleren Europa hauptsächlich wendegenähte Lederschuhe getragen. Diese zunächst auf links genähten und anschließend auf rechts gewendeten Wendeschuhe zeigten vor allem im Hochmittelalter bereits modische Einflüsse. Die Länge der Spitze kennzeichnete die Zugehörigkeit zu einem Stand.
Trippen (hölzerne Unterschuhe) schützten die Füße zusätzlich gegen Kälte und Schmutz sowie die Sohle und die langen Schuhspitzen vor Abrieb. Sie dienten wohl zugleich als Statussymbol.
Parallel zu diesen Modeerscheinungen gab es immer auch breite Schuhe, die vermutlich der Arbeit dienten und erst im 16. Jahrhundert modern wurden. Diese Schuhe wurden auch in rahmengenähter Konstruktionsweise gefertigt.
Die Vermutung, dass Arbeiter und Bauern barfuß oder in einfachen Holzschuhen arbeiteten, scheint nicht belegbar zu sein. Rekonstruktionsversuche mit historischen Methoden haben gezeigt, dass sich ein einfacher wendegenähter Schuh in wenigen Stunden herstellen ließ und somit durchaus erschwinglich war.  Auch wurden alte Schuhe nicht entsorgt, sondern durch Flickschuster repariert oder rundum erneuert.

Foto-4-Wrap-NX-Gruppe-03„Warp NX“-Schuh von DESMA

Ungeklärt ist die Herkunft des Absatzes. Aber es scheint dass dieser zuerst für Männer entwickelt wurde, um diese „größer und kriegerischer“ erscheinen zu lassen. Bei Frauen bewirkte der Absatz eine veränderte Körperhaltung und Beckenstellung die zur Betonung des Dekolletees und einem erotischeren Gang führte. (Steht so bei Wikipedia – habe ich mir nicht ausgedacht!)

Im 19. Jahrhundert entwickelten sich viele, auch heute noch gebräuchlichen, Schuhmodelle. Die Männer wandten sich mehr und mehr dem Halbschuh zu. Das Gummiband wurde erfunden und erstmals 1837 in Schlupfstiefeletten als seitlicher Elastikbandeinsatz (Chelsea-Boot) verwendet.

Die weibliche Schuhmode wurde erst ab 1870 mit dem Kürzerwerden der bis dato bodenlangen Röcke kreativer.

Die industrielle Revolution veränderte die Gesellschaft und deren Ansprüche. Ab den 1860er Jahren wurden Schuhe zunehmend in Fabriken gefertigt, wodurch gutes Schuhwerk im Preis sank und für jedermann bezahlbar wurde. Die bei den Römern und Griechen bekannte Rechts-Links-Unterscheidung ging im 17. Jahrhundert verloren und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder eingeführt.

Das Klebeverfahren mit Zelluloidkitt zur Schuhherstellung, wurde 1910 von Rampichini entwickelt und ermöglichte neue Fertigungstechniken in der Massenschuhproduktion.

Die beiden wichtigsten Entwicklungstrends, welche die 1920er und frühen 1930er Jahre prägten, waren die Einführung des Halbschuhs und der Übergang zu einem modischen Gebrauch von Schuhwerk, vor allem bei Frauen und jungen Menschen.

Aus dieser Zeit stammte auch der DESMA-Gründer Herbert Ludwig, der nach dem 2. Weltkrieg in Achim ankam. Er stammte ursprünglich aus dem Vogtland und hatte in eine Familie von Lederverarbeitern und Schuhfabrikanten aus Dresden eingeheiratet, die Familie Willisch. Die Ludwigs hofften, im Westen ihren Lebensunterhalt besser bestreiten zu können, und schlossen sich so Familienmitgliedern an, die bereits ein kleines Unternehmen in Achim-Uesen begonnen hatten. Zusammen gründeten sie im Juni 1946 die Deutsche Spezialmaschinen Co. U.E. – jetzt Bestandteil der Salzgitter AG. Seit 70 Jahren ist DESMA-Technologie ein Herzstück der internationalen Schuhindustrie mit mehr als 3.000 Kunden weltweit.

Aber zurück zu den späten 1940er Jahren: innerhalb kurzer Zeit produzierten die Ludwigs, die Willischs und ihre kleine Belegschaft nicht nur Textilien, Gartenzäune und Spielwaren, sondern auch das, was sie besonders kannten und verstanden: Maschinen und Werkzeuge für die Schuhindustrie. Der Durchbruch kam in den frühen 1950ern. Schuhsohlen wurden damals überwiegend aus Leder gefertigt, aber Leder war schwer erhältlich und so wichen die Schuhhersteller auf andere Materialien wie z. B. Gummi aus. Die Sohlen mussten aus Gummimatten ausgeschnitten, angepasst und bearbeitet werden – bis zu 37 Prozessschritte waren erforderlich, um die Sohle an den Schaft anzupassen. Ludwigs Unternehmen – jetzt unter dem neuen Firmennamen DESMA – entwickelte eine Vulkanisierpresse, die DESMA Typ VP 100, die für die Herstellung von Hausschuhen genutzt wurde. Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, der sogenannten Direktansohlung.

Eine kompakte äußere Sohle wurde in eine Form eingelegt, darüber eine Vulkanisiermischung aus Naturkautschuk. Der Schaft wurde auf einen Aluminiumleisten gespannt und in die Form eingelegt. Anschließend wurden Form und Leisten 10 Minuten lang elektrisch erhitzt – und schon war der Hausschuh fertig.
Heute scheint das ein sehr mühsamer Prozess zu sein, aber in den frühen 1950ern war das eine Sensation, die enorme Begeisterung in der Schuhindustrie auslöste.  Als Nächstes wagte man den Einsatz von PVC-Paste, dem Vorläufer des heutigen PVC-Granulats.

Das kleine Unternehmen in Achim war gerade in einem Jahrzehnt unfassbar gewachsen.

In den 1960ern konnte DESMA eine Weltneuheit nach der anderen entwickeln und in den Markt einführen. Darunter auch die massive DESMA 606 Maschine, die 15 Tonnen wog und 300.000 DM kostete. Damals brauchte man ein Team von 25 Arbeitskräften, um 700 Paar Stiefel pro Tag zu produzieren. Mit einer DESMA 606 konnten dann zwei Mitarbeiter 1.000 Paare fertigen.

Der 606 folgte die DESMA 701, von der das erste Exemplar für adidas bestimmt war. Der Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft Sepp Herberger kam zusammen mit Adolf Dassler, um die Maschine in Betrieb zu sehen. Überzeugt von der DESMA-Technologie und in vollstem Vertrauen in die DESMA-Expertise war das Unternehmen zu dieser Investition bereit.

„Alle Mitglieder der deutschen Fußballnationalmannschaft tragen Stiefel, die auf DESMA-Maschinen gemacht wurden“, prahlte eine Regionalzeitung und erwähnte quasi im Nebensatz, dass „84 % aller Goldmedaillen, die bei den Olympischen Spielen 1960 gewonnen wurden, von Athleten gewonnen wurden, die auf DESMA-Maschinen gefertigte Schuhe trugen.“

Die 1970er sahen ein kontinuierliches Wachstum und eine unendlich scheinende Liste von Patenten und Innovationen. Kunden erwarteten mehr Komfort, mehr Farben und raffiniertere Designs von ihren Schuhen und gleichzeitig verlangten Hersteller höhere Qualität, erhöhte Kapazität, Produktivität und Flexibilität von ihren DESMA-Maschinen.

Anfang der 1980er Jahre meldete das in Österreich ansässige Unternehmen Lim Kunststoff Technologie unter Leitung von Oskar Schmidt sein US-Patent zur Fertigung von elastischen Schuhsohlen aus Polyurethan an. Nike kaufte die Technologie zur Verbesserung der Geh- und Laufeigenschaften seiner Sportschuhe und startete damit einen Mode-Boom.

Dann kamen die schwierigen Zeiten, denn die Welt änderte sich – die Schuh­industrie wanderte fast komplett nach Asien und anderen Billiglohnländern ab. Und auch für DESMA kamen harte Zeiten. Die Abhängigkeit vom Handel mit dem Ostblock hatte das Unternehmen verwundbar gemacht, als die frühere UdSSR und ihre Satellitenstaaten zur Wende zusammenbrachen.

Heutzutage verlässt sich die Welt der Schuhfertigung auf DESMA sowohl für kleinere, individuellere Anwendungen  als auch auf riesige schlüsselfertige Projekte oder das amir-System, das „must-have“ für 2015/2016. amir steht für „automated material flow with integrated robots“ (automatisierter Materialfluss mit integrierten Robotern) und ist ein Automatisierungskonzept.

Und die Zukunft macht auch bei der Schuhindustrie nicht halt.

Während der Veranstaltung erläuterte Christian Decker (Geschäftsführer bei DESMA), dass die Schuhindustrie in Asien ihren Zenit in 2015 erreicht hat und sich die Schuhindustrie erneut verändern wird. Laut Decker werden sich flächendeckend überall Schuhproduktionszentren bilden, wodurch kurze Lieferzeiten realisiert werden können.

„Der Weg der Karawane, zu immer günstigeren Produktionsstätten hat ein Ende“, fügte K. Freese, ebenfalls GF bei DESMA, hinzu. Einige Produktionsstätten kehren zurück zu ihren Wurzeln, in die Industrieländer. Dorthin, wo die Schuhe auch überwiegend konsumiert werden. Nach den vormals günstigen Arbeitskräften, werden jetzt hochqualifizierte Arbeitskräfte an automatisierten Anlagen eingesetzt. An den automatisierten Produktionslinien arbeiten Mensch und Roboter quasi Hand in Hand.

Der Maßschuh ist und war immer schon eine teure Angelegenheit. Der klassische Maßschuh ist ein handgefertigter Schuh nach den individuellen Kundenvorstellungen und seinen Fußmaßen. Die Preise liegen hier zwischen 350 und 2.000 Euro (Designer-/Markenschuhe liegen da natürlich auch noch drüber).

Im Zeitalter der Globalisierung gibt es Unternehmen, bei denen Maßschuhe online bestellt werden können. Der Kunde bestimmt selbständig mittels eines Formverfahrens die Maße der eigenen Füße. Die entstandene Form zeigt alle Details der Füße und bildet die Basis für die Leisten-Herstellung. Die Schuhe werden dann von Hand auf diesen individuellen Leisten genäht. (Preis ab 350 Euro).

Ebenfalls bei DESMA vorgestellt wurde die Zukunft des Maßschuhs – „The future of shoe making“: Der „Wrap NX“-Schuh nach der „True Form 3D“-Methode.

Den Besuchern bot sich die Möglichkeit, das „True Form 3D“-Prozedere zu testen, und am Ende einen individuell gestalteten, auf den eigenen Fuß sowie Lauf-/Auftritteigenschaften angepassten Schuh mitzunehmen.

In Christian Deckers Zukunftsvision können wir dann im Schuhshop bei einem Kaffee höchstens eine Stunde auf unsere individuell maßgefertigten Schuhe warten – und das zu einem erfreulichen Preis (geschätzt ab 100 Euro).

Und ich habe nachgefragt:  Ja – das Verfahren ist auch durchaus für den eleganteren Frauenschuh denkbar. Das nenn ich mal eine wirklich gute Nachricht und all jenen, denen nach der K noch die Füße weh tun – es gibt Hoffnung, dass nicht mehr zu viele Ks ins Land ziehen, bevor diese Vision Realität wird!

Birgit Harreither
 

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 Quellen:
http://www.shoepassion.de/schuhwissen/19-jahrhundert
http://infonaut.at/schuhe/geschichte.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Schuh
http://www.planet-wissen.de/gesellschaft/mode/schuhe/index.html

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