Eine kleine Geschichte vom bösen Vernetzer MbOCA

Nachdem Polyurethan vergangenes Jahr seinen 75 Geburtstag gefeiert hat – die Kunststoffmedien haben ausführlich darüber berichtet – wir natürlich auch, möchte ich mal ein bisschen aus meiner Vergangenheit mit dem schwärzesten Schaf der PU-Elastomerfamilie erzählen.

Am 2. Januar 1984 begann ich für eine Firma in Österreich zu arbeiten, die unter anderem PU-Reifen herstellte und mit Nike zusammen die ersten Direktbesohlungen für Sportschuhe entwickelte. Meine Aufgabe bestand darin, analytische Prüfmethoden zur Bestimmung von Polyurethankomponenten auszuarbeiten. Das beinhaltete natürlich auch, Methoden zu entwickeln, möglichst schnell und effektiv herauszufinden, was der Wettbewerb treibt. Hier hatte ich dann auch rasch zum ersten Mal Kontakt mit MbOCA, chemisch ein 2,2’-Dichloro-4,4’-methylendianilin oder auch 4,4´-Methylen-bis-orthochloranilin. Dieser Vernetzer von TDI-Prepolymeren existiert seit 1954 und in meiner Firma mag ja vielleicht bekannt gewesen sein, dass MbOCA als möglicherweise krebserregend galt, aber das erzählte mir keiner und Googlen ging noch nicht. Ich konnte daher unbekümmert die mir gestellten Aufgaben hautnah erfüllen.

Erst 4 Jahre später, als ich für ein Handelsunternehmen anfing ­MbOCA zu verkaufen, hörte ich zum ersten Mal deutlich, dass dieser aminische Vernetzer schon lange „unter Beschuss“ steht. Meistens kamen die Meldungen zu neuen Studien und Erkenntnissen aus den USA – bei uns zu dieser Zeit bekannt als „Panikmacherland“, das alles übergenau regulieren muss –, man kennt ja die Geschichte mit dem Meerschweinchen und dem Mikrowellenherd. Eigentlich ist so gesehen die Tatsache, dass es heute im deutschsprachigen Raum kaum noch einen MbOCA-Verarbeiter gibt, schon fast eine Lachnummer, denn in Amerika wird ungehindert dieser Vernetzer eingesetzt.

Aber wieder zurück in die Vergangenheit: Damals gab es genau zwei Produzenten von MbOCA – beide in Japan und beide wurden über Hamburger Handelsunternehmen nach Deutschland importiert und vertrieben. Außer dem Preis gab es keinen einzigen qualitativen Grund, warum der Kunde „mein“ MbOCA oder das vom Wettbewerb einsetzten sollte. Naja, die anderen hatten auch das „Adiprene“ im Programm, die am längsten im Markt etablierten TDI PTMEG- oder TDI-Polyester-Prepolymere. Den Lieferanten, den ich in diesem Bereich betreute, kannte damals keiner. Plötzlich tauchte ein taiwanesischer MbOCA Produzent auf – gut 15 % günstiger als unsere Japaner – natürlich war die Qualität viel schlechter und die Pellets staubten mehr: „Das erhöht ja das Krebsrisiko – oder?“ Machen wir’s kurz – natürlich gab es Kunden, die genauso gut mit der „Billigqualität“ zurechtkamen. Und dann tauchte in einer der alle zwei Jahre stattfindenden „wir-verteufeln-MbOCA-Phase“ ein neuer aminischer Vernetzer auf, der das gleiche kann, aber gesundheitlich unschädlich ist. Er stank fürchterlich und ein Amin wars trotzdem. Vorteil des Produkts: Es war flüssig und musste daher nicht bei hohen Temperaturen aufgeschmolzen werden. Nachteil: Preis, Reaktivität und Farbe. Und was keiner bedachte – das Chlor im MbOCA hat zumindest latent für ein bisschen Flammschutz gesorgt.

Während die „gewissenhaften“ Gießelastomerverarbeiter über die Jahre fleißig daran gearbeitet haben, MbOCA weitestgehend durch verschiedene Alternativen zu ersetzen – teils mit preislichem Nachteil –, haben sich diverse Hersteller den Wettbewerbsvorteil mit MbOCA zunutze gemacht.

Dies könnte bald anders aussehen – zumindest in der EU – denn am 17. Januar 2013 verkündete die ECHA, dass man dem EU Parlament empfohlen hat, MbOCA als „authorized” Chemikalie zu betrachten. Wenn dem entsprochen und der Zeitrahmen eingehalten wird, so gilt der Einsatz von MbOCA ab Mai 2017 als genehmigungspflichtig.

… Totgesagte leben länger …

Birgit Harreither

P.S. Was mich immer ein Schmunzeln gekostet hat, war folgende Geschichte: Da das Baytec 1604 ein wahnsinnig teurer Vernetzer für die Baytec-(TDI)-Systeme war, wurde mir dann bei einem oder zwei Gläschen Wein erzählt, man würde stattdessen MbOCA einsetzten – das wäre einfacher in der Handhabung, wesentlich günstiger und das Endprodukt sogar in den Eigenschaften noch besser. „Aber das dürfen Sie niemandem erzählen – das machen NUR wir!“ Also ich kannte schon mal drei, die mir das erzählt haben, aber natürlich verrate ich nicht welche.


ACHTUNG!

Bitte nicht vergessen – wie immer gibt es zu folgenden Veranstaltungen unsere Online-Vorschauen, die Anfang September starten werden: CompositeEurope,
CPI Polyurethanes, BondExpo und K 2013.
Jeder PU-relevante Aussteller ist eingeladen, uns seine Vorankündigung zuzusenden – wenn möglich in Deutsch und Englisch.

Das Thema für unsere November-Ausgabe steht ebenfalls fest: „Sustainable Polyurethanes“ – weitere Infos finden Sie auf unserer Homepage:
www.fapu.de
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