Vorwort

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“(Aristoteles)

Noch nie hatte ich so viele Zusagen, um diese Ausgabe zum Thema „Erneuerbare Energien“ zu gestalten, aber auch noch nie wurde ich so hängen gelassen. Bereits seit Monaten versprochene Beiträge wurden einfach kurzfristig abgesagt. Nun denn – wieder dazu gelernt. Trotzdem möchte ich hier ein kleines Update zum Stand der Dinge geben, wobei ich mich hauptsächlich auf die Windenergie beziehe.

Zum Thema „Polyurethan im Bereich erneuerbarer Energien“ findet sich in dieser Ausgabe eine Pressemeldung der Firma Covestro über das erste Rotorblatt aus Polyurethan, das in China gefertigt wurde. China hat den Rest der Welt auch bei der Neuinstallation von Windanlagen inzwischen überholt. Bei vielen Tagungen und Pressekonferenzen höre ich immer in einem leicht panischen Ton, dass uns die Chinesen überholen. Ich kann dazu nur den Kopf schütteln. Mit 1,4 Mrd. Einwohnern – im Vergleich zu ca. 750 Mio. Einwohnern in Europa – war es doch bitte klar abzusehen, dass nicht nur der Strombedarf dort irgendwann deutlich höher sein wird. Beim technischen Fortschritt kann ich ebenfalls nur fassungslos staunen, hat mir doch in einem Gespräch ein deutscher Rotorblatthersteller ernsthaft erzählt, dass ein Poly­urethanlieferant ihm gesagt hätte, das würde sowieso nichts taugen. Nun dann bitte auch kein Jammern darüber, dass bei uns noch immer vorzugsweise Epoxis und andere Materialien eingesetzt werden. Über die Zulassungshürden und -kosten der EU, noch getoppt von den deutschen Prüfstellen und Behörden, will ich gar nicht reden. Daher Themenwechsel und ein kleines Update zum Stand der Dinge.

Weltweit wurden im Jahr 2015 Windanlagen mit insgesamt 63.000 Megawatt Leistung neu an die Netze angeschlossen. Das entspricht einer Steigerung von ca. 20 %. Laut Vestas liegt der Wachstumsmarkt in China, Indien, Brasilien und Subsahara-Afrika, während Europa und USA gesättigte Märkte sind. 50 % der neu installierten Windanlagen in Europa entfallen auf Deutschland. Trotzdem liegt Deutschland von den EU28 Ländern gerade mal im Positionsbereich 16-21.

Für die künftige Stromversorgung in Deutschland ist ein Ausbau der Windenergie an Land und vor den Küsten fest eingeplant. Allein in Deutschland arbeiten bereits 150.000 Menschen in der Windbranche (es gibt auch Statistiken, die über höhere Zahlen sprechen – ich bleibe mal konservativ vorsichtig – insgesamt spricht man von über 400.000 Arbeitsplätzen im gesamten Bereich der Erneuerbaren Energien), und der Bedarf an Fachkräften wird weiter steigen.

 

  Windenergie
onshore
 
Windenergie
offshore
 
Photovoltaik

Szenario A
Zielniveau (Nachfrage 500 TWh/a)
idealer Zubau bei Lebensdauer
– 20 Jahre

– 30 Jahre   

80 GW


4,0 GW/a
2,7 GW/a
32,5 GW


1,6 GW/a
1,1 GW/a
60 GW


3,0 GW/a
2,0 GW/a

 

Szenario B
Zielniveau (Nachfrage 800 TWh/a)
idealer Zubau bei Lebensdauer
– 20 Jahre

– 30 Jahre   

 

138GW


6,9 GW/a
4,6 GW/a

 

54 GW


2,7 GW/a
1,8 GW/a

 

150 GW


7,5 GW/a
5,0 GW/a

 

Zubauziele der Bundesregierung
(Lt. Kabinettsbeschluss vom Januar 2014)
Zubau
erreichbares Niveau bei Lebensdauer
– 20 Jahre

– 30 Jahre   

 



2,5 GW/a

50 GW
75 GW

 



1,5 GW/a

30 GW
45 GW

 



2,5 GW/a

50 GW
75 GW

aktueller Zubau
-2012
-2013
-maximaler Zubau bisher

2,2 GW
ca. 3 GW
3,2 GW (2002)

0,2 GW
0,6 GW
1 GW (2014)*

7,6 GW
ca. 3,5 GW
7,6 GW (2012)

Ausbauziele- und Zubauraten für Windenergie und Photovoltaik in verschiedenen Szenarien. (Quelle: Bode/Groscurth, 2014) *erwartet


Heute ist Windenergie die preisgünstigste unter den Renewables. Mehrere Studien, darunter auch eine von Greenpeace zeigen, dass ein Ausstieg aus Atom und Kohle in wesentlich kürzerer Zeit möglich wäre. „Die Energiewende ist längst geschafft“, erklärte auch Sigmar Gabriel. Schließlich beträgt der Anteil von Biomasse, Solar-, Wind-, und Wasserkraft an der Stromproduktion bereits mehr als 33 %. Trotzdem sollte das Ziel bis 2025 nicht bei den geplanten 40-45 % liegen sondern realistischerweise auf 60 % erhöht werden. Um den Strommarkt „fit zu machen“ (Zitat: Sigmar Gabriel) will die Politik das Ausbautempo „besser steuern“. Es ginge darum, den weiteren Zubau von Wind- und Solarenergie an den Ausbau der Stromnetze anzupassen. Tabelle 1 zeigt ganz was anderes.

Hier wird meiner Meinung nach deutlich, dass es einen Interessenskonflikt gibt, der einen raschen Ausstieg aus der Atomenergie ziemlich sicher verzögern wird – ich hoffe mal nicht dass er ihn auch verhindert. Bezahlen tun wir – das ist klar – und zumindest mir persönlich wären es die paar Cent mehr pro KWh wert. Jetzt habe ich mal meinen Ökotarif, den ich seit ein paar Jahren freiwillig gebucht habe, überprüft, und tatsächlich zahle ich heute 2 ct/KWh weniger als noch vor 2 Jahren. Der Witz für mich liegt darin, dass es sich um 100 % Strom aus Wasserkraft handelt, der aus Österreich (meiner Heimat) importiert wird – und das obwohl es sich um einen regionalen Stromanbieter aus Schleswig-Holstein handelt – dem windreichsten Bundesland Deutschlands.

2015 wurden auf See mehr als acht Terrawattstunden Strom produziert. Dies soll dem Strombedarf von mehr als zwei Millionen Haushalten entsprechen und stellt ein Plus von 225 % gegenüber dem Vorjahr dar. Der ungewöhnlich hohe Zubau mit neuen Anlagen in Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr sei eine Ausnahme und Folge eines Nachholeffekts. Dennoch fordert auch die Offshore-Industrie größere Ausbauziele als im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geplant. Dies würde zu Lasten des Onshore-Ausbaus gehen. Ein weiterer Interessenskonflikt – da Onshore-Windenergie derzeit deutlich günstiger ist als Offshore. Auch das Repowering ist aktuell ein Thema, das man berücksichtigen sollte – hierzu habe ich so widersprüchliche Informationen erhalten, dass ich lieber nicht darauf eingehen möchte. Ich denke, die Handhabung wird sich in den kommenden Jahren deutlicher zeigen.

Besonders heiß diskutiert werden die gerade beschlossenen Änderungen des EEG – ein Ausbau an EE von brutto 2800 MW wurde festgelegt. Keine der beteiligten Seiten ist damit glücklich..

Hatte man 2015 schon Hoffnung, da die Umlagehöhe von 6,24 ct/KWh (2014) auf 6,17 ct/KWh gesenkt wurde, ist sie 2016 auf 6,354 ct/KWh erhöht worden. Auch die KWK-Umlage wurde um 0,445 ct/KWh erhöht. Lt. BWE Präsident Hermann Albers wird im Oktober 2016 wohl noch eine weitere Erhöhung kommen, allerdings dürfte es im Weiteren dann wieder zu einer Senkung der Umlage kommen. Der Grund für die höheren Umlagen sind die niedrigen Strompreise an der Leipziger Börse. Klingt merkwürdig? Das sind politische Altlasten, die wir zu tragen haben, denn die Erzeuger von Ökostrom erhalten eine feste Vergütung (diese wurde teilweise auf 20 Jahre garantiert) – die heutzutage über den bezahlten Strompreisen liegen. Je niedriger also der Strom an der Börse gehandelt wird, umso mehr muss zufinanziert werden. Auch das Abstellen der Wind- und Solaranlagen („Abregeln der Strommenge“) hat sich angeblich in den letzten drei Jahren verdreifacht. Der überschüssig produzierte Strom kann auf Grund des mangelnden Netzausbaus nicht transportiert werden. Die Entschädigungszahlungen erreichen einen 3-stelligen Millionenbetrag. „Es wird der Eindruck erweckt, dass Wind ständig abgeregelt werden muss. Das stimmt nicht – es sind gerade mal 3%,“stellt Albers richtig.

Es scheint aber auch rechtlich eine gewisse Problematik zu geben. „Ausschließlich deutschen Ökostrom fördern zu wollen sei zwar politisch nachvollziehbar, aber ein Verstoß gegen die Freiheit des Warenverkehrs, im extra zu diesem Zweck geschaffenen Verbundnetzes. Die von den Netzbetreibern eingezogene Umlage sei vom Wesen her eigentlich eine Steuer, die entsprechend von Unternehmen nicht eingezogen werden dürfte. Als Steuer, die alle Stromkunden betrifft, dürfte die EEG-Umlage zudem keine Anlagen fördern, die sich bereits amortisiert haben und deren Produkte nicht zu normalen Marktpreisen verkauft werden können. Die bestehende Überförderung von Ökostrom ist in jeder Hinsicht falsch, die EEG-Umlage füllt nur die Taschen einzelner Produzenten und der Netzbetreiber, die die Milliarden innerhalb des Systems verwalten.“ (Rechtsgutachten der Humbold Universität, Berlin)

Dass die deutsche Wettbewerbsfähigkeit durch die EEG-Umlage aber besonders gefährdet ist vermag ich nicht erkennen, sicher liegt Deutschland mit den Gewerbestrompreisen immer im oberen Drittel aber ist in keiner Betrachtungsweise das teuerste Land – nur beim Stromverbrauch ist Deutschland Spitzenreiter! (Quelle: Eurostat Stand: 1.Halbjahr 2015 – neuere Daten nicht gefunden)

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mag sich ja bemühen, die „maßlose und unangemessene Überförderung“ des Ausbaus erneuerbarer Energien auf ein vertretbares Niveau zu beschränken und von staatlich garantierten Einspeisevergütungen abzukehren – gleichzeitig ist es die Politik, die dafür sorgt, dass der Netzausbau deutlich langsamer und wesentlich teurer vonstatten geht. Die geplanten Strom-Autobahnen von Nord nach Süd sollten 2022 fertig sein, immerhin das Jahr in dem die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Ein fester Termin der Bundesregierung, bis zu dem die Windenergie den geplanten Ersatz liefern wird. Jetzt wird die umstrittene SuedLink-Trasse von Norddeutschland nach Bayern und weiter nach Baden-Württemberg erst 2025 fertig. Der Korridor A, eine Leitung von Emden ins nordrhein-westfälische Osterath ebenfalls erst 2025 und die geplante Leitung von Osterath ins baden-württembergische Philippsburg sogar erst 2021. Auch die Trasse SuedOstLink, die von Sachsen-Anhalt nach Niederbayern führt, werde erst 2025 fertig, das zeigt ein neuer Bericht der Bundesnetzagentur. Grund ist vor allem die geplante Verlegung der Leitungen unter der Erde. Auf Drängen der CSU wurde Ende 2015 beschlossen, dass die Stromtrassen, die im Zuge der Energiewende vor allem Windstrom nach Süden transportieren sollen, vorrangig als Erdkabel konzipiert werden statt als Überlandleitungen.
 
Was also bei der Gewinnung von Windenergie inzwischen durch Anlagenoptimierung gespart wird, steckt man um ein Vielfaches in den Netzausbau, der durch Uneinigkeit und sonstige Querelen verzögert wird. Ich frage mich was 2022 passiert, wenn es im Süden keinen Atomstrom gibt, aber die geförderte Windenergie aus dem Norden durch unfertigen Netzausbau nicht transportiert werden kann – bin gerne für Erklärungen offen.

Im Juli-Newsletter möchte ich zu einigen dieser Punkte hier noch ein kurzes Update geben (das passte leider terminlich nicht mehr hier rein) und mich noch mit dem Thema Stromspeicherung befassen – finde ich wahnsinnig spannend – was wird wirklich die optimale Lösung sein? Pumpspeicher in Norwegen? Wasserstoff? Oder doch der 3.000 US$-Akku für jeden Haushalt von Elon Musk?
 

Birgit Harreither

 


Prokon – ein Unternehmen mit Vision?
„2014 musste die Windenergiefirma Prokon Insolvenz anmelden, zehntausende Anleger verloren einen großen Teil ihres Geldes.“ (Pressebericht gefunden im Internet)
Das ist so nicht richtig!
Es gab 2 Insolvenzpläne:
1. Verkauf an ENBW – die hatten das höchste Übernahmeangebot abgegeben.
2. Gründung einer Genossenschaft
Von den 75.000 Anlegern wurden durch 32.000 Vollmachten 40.000 Anleger bei der Gläubigerversammlung vertreten. 35.000 Kleinanleger sind nicht erschienen. 57% des Kapitals der Anleger war zum Zeitpunkt der Insolvenz noch vorhanden, darunter Windparks im Wert von 500 Mio. Euro. Heute hat Prokon 38.000 Mitglieder, betreibt 55 kleinere Windparks mit 328 Windkraftwerken und beliefert rund 34.000 Endkunden mit Strom. Prokon ist damit nach eigenen Angaben die größte Energiegenossenschaft in Deutschland. Für das laufende Jahr erwarte das Unternehmen einen Umsatz von 105 bis 115 Millionen Euro und ein positives Vorsteuerergebnis. Die neue Prokon ist in drei Geschäftsfeldern tätig: Dem Betrieb bestehender und der Projektierung neuer Windparks sowie dem Stromhandel. Wolfgang Siegel, ebenfalls ein Prokon-Anleger gründete den Verein „Die Freunde von Prokon e.V.“, dem sich viele verunsicherte Anleger angeschlossen haben. Er ist Verfasser des „Bremer Manifests“ – Leitsatz: Wir erzeugen unsere Energie selbst, klimafreundlich und sozial.
Eine Sonderregelung der Bundesregierung für Bürgerenergie hat im Juni die Eigenversorgung klar ausgeschlossen!
Wer sich trotzdem bzw. gerade deswegen für das Bremer Manifest interessiert, findet es unter: https://www.fapu.de/bremer-manifest.htm