Vorwort

Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft und irgendwann sind sie selbstverständlich.
(Arthur Schopenhauer, 1788-1860, Philosoph)

Der Beschluss Deutschlands aus der Atomenergie auszusteigen durchläuft gerade die zweite Phase (Bekämpfung). Und es wird heftig argumentiert. Die Großindustrie droht, die Bürgerinitiativen debattieren und demonstrieren und die Politiker agieren mit neuen Gesetzesentwürfen und ständigen Änderungen, die dann letztendlich keiner mehr durchschaut und die EU-Kommission setzt die deutsche Politik unter Druck.

Wovon redet SIE jetzt schon wieder? Ganz einfach vom EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) bzw. von der Umlage und welchen Aufruhr – zu Recht oder nicht – diese europaweit verursacht. Und da sich gerade täglich Änderungen ergeben, möge man mir verzeihen, wenn die eine oder andere Zahl meiner Recherchen beim Lesen schon nicht mehr ganz richtig ist.

Also derzeit liegt die EEG-Umlage bei 6,24 Cent je Kilowattstunde. Regulär bezahlen ausschließlich die Privathaushalte und Klein- bis Mittelbetriebe.
Für energieintensive Betriebe, die bislang zu 100 % von der EEG-Umlage befreit sind gilt ab Ende 2015 30 % der EEG-Umlage und 2016 35 %. Ab 2017 werden dann die derzeit heftig kritisierten 40 % der EEG-Umlage fällig. Für noch „energieintensivere“ Betriebe gelten natürlich auch dann Sonderregelungen. Den Rest kann jeder gerne im Internet recherchieren.

Zwei Musterbeispiele für Selbstversorger aus der Großindustrie sind das Evonik-Werk in Worms, das sich mit Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) selbst versorgt, und das BMW-Werk in Leipzig – dort werden der i3 und i8 produziert –, das seit  2012 über vier 2,5-Megawatt-Windenergieanlagen von Nordex zur Stromgewinnung verfügt.

Ich war neugierig und habe mich in der polyurethanverarbeitenden Industrie umgehört. Hier gibt es selten Großkonzerne, da ist eher der Mittelstand vertreten – also die EEG-Umlage wird hier auf jeden Fall entweder ermäßigt oder voll bezahlt. Einige Unternehmen haben schon vor Jahren in Blockheizkraftwerke, Photovoltaic u. a. investiert und versorgen sich zum größten Teil selber mit Wärme und Strom. Wer das nicht hat, kauft seinen Strom an der Leipziger Börse entweder zum Festpreis oder spekuliert, was teilweise auch zu einem Einkaufspreis von Null Cent führen kann, wenn es gerade im Stromnetz zu Überkapazitäten kommt. Der Durchschnittspreis liegt im schlechtesten Fall (3–5 Cent (Börsenpreis) + EEG-Umlage 6,24 Cent) bei 9–11 ct/kWh. Das zahlen Produktionsbetriebe in den anderen EU-Ländern auch. Frankreich ist nach dem Ergebnis meiner Recherchen wohl eines der wenigen Länder mit einem niedrigeren Strompreis, der einen Standortwechsel lohnend machen würde.

 

Industriestrompreise 

Quelle: Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V. / Green Budget ­Germany (GBG) (Quelle: GBG eigene Darstellung, nach Daten von Eurostat 2012, Energiepreisstatistik)
 

Betrachte ich jetzt die Großindustrie, die mit Abwanderung droht, so frage ich mich ernsthaft, wohin sie denn abwandern möchte – sofern die Begründungen wirklich der Strompreis und seine Entwicklung sind? Innerhalb der EU lohnt es sich nicht. In China kostet der Strom sogar mehr als bei uns – Shanghai (12 ct/kWh), Peking (13 ct/kWh), Guangdong (9 ct/kWh). Bleiben Russland, die USA, das eine oder andere südamerikanische Land und Afrika. Da kann ich dann für Chemiebetriebe nur hoffen, dass die ausgelagerten Produkte REACH-registriert sind, sonst dürfte eine Rückführung nach Europa schwierig werden – und bekanntlich werden Produkte, die innerhalb der EU produziert werden, bei Einfuhr aus anderen Ländern mit einem Zoll belegt. Das wiederum kann in einigen Fällen den geringeren Strompreis schnell zunichtemachen.

Das lässt also die Vermutung aufkommen, dass man eher eine Begründung sucht, um eine sowieso schon längst geplante Verlagerung der Produktionsstätte zu rechtfertigen und der bösen Regierung die Schuld zu geben.

Nein – ich bin jetzt kein besonderer Freund der deutschen Regierungspolitik im Allgemeinen, aber ich schätze den Mut zu sagen: „Wir steigen als Industrienation aus der Atomenergie aus.“ Die Durchführung lässt arg zu wünschen übrig. So erfuhr ich auf der Vorpressekonferenz der WindEnergy Messe Hamburg vom Präsidenten des Bundesverbandes Windenergie (BWE) Hermann Albers, dass eine Senkung der EEG-Umlage um 2 Cent schon längst hätte durchgeführt werden können, da sowohl Solar- als auch Windenergie immer günstiger hergestellt werden. Warum tut man das dann nicht? Es würde deutlich höhere Planungssicherheit für die produzierende Industrie bedeuten – übrigens ein klarer Kritikpunkt eines PU-Verarbeiters.

Aber wo sich die Bundespolitiker schon nicht einig sind – die Landespolitik schafft noch viel skurrilere Vorgehensweisen. So wurde mir unlängst vorgeworfen, dass wir im Norden den Nord-Süd-Netzausbau boykottieren. Sorry, das ist nicht richtig – das machen schon eher die zwei südlichsten Bundesländer. Baden-Würtemberg möchte keinen Windstrom aus dem Norden, man hätte selber Wind (na gut – aber ich wette hier in Schleswig-Holstein bläst er besser). Bayerns CSU möchte lieber seine bestehenden Biogas-Anlagen besser gefördert sehen und deshalb sollen Windparks nur noch mit einem 2-km-Abstand zu Siedlungen entstehen dürfen. Bei der großen Besiedlungsdichte in Bayern wäre das der komplette Ausstieg aus der Windenergie gewesen – man ist dann doch wieder zurückgerudert.

 

BBPlG-Karte 

Netzausbauplan der Bundesregierung

Bürgerinitiativen gegen Windenergie tun dann noch ein Übriges, um den für 2022 geplanten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland unmöglich zu machen. Hier wird behauptet, dass der Infraschall der Windanlagen die Gesundheit der Menschen gefährdet. Von Schattenwurf und Lärmbelästigung will ich gar nicht erst anfangen – das Vogelgezwitscher im Sommer um 4 Uhr morgens ist fünf Mal lauter als ein Windrad (das haben Messungen ergeben). Aber zurück zum Infraschall – bei Wikipedia steht Folgendes: „Unter Infraschall versteht man Schall, dessen Frequenz unterhalb von etwa 16–20 Hz, also unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegt. Das menschliche Ohr ist für Infraschall nahezu unempfindlich. Eine schädigende Wirkung auf Gehör, Gleichgewichtsorgane, Lunge oder innere Organe konnte – obwohl oft behauptet – bislang in einschlägigen Experimenten unterhalb eines Schalldruckpegels von 170 dB nicht nachgewiesen werden.“

Übrigens ist eine mögliche In­fraschallbelastung für Bewohner nahe einer Bahntrasse bei vorbeifahrenden Zügen ebenfalls deutlich höher.

Und jetzt zur EU-Kommission: Hat man doch endlich eingesehen, dass die Subventionierung von Atomkraftwerken unter der Prämisse, es handle sich wie bei den erneuerbaren Energien um eine emissionsarme und klimafreundliche Technologie, wohl doch nicht tragbar ist, so traktiert der EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia die deutsche Regierung jetzt damit, man müsse die EEG-Umlage für importierten Strom aus dem Ausland erlassen, da es praktisch eine „zollgleiche Abgabe“ sei und das verstoße gegen das Prinzip des freien Binnenmarkts. Nun, ich hoffe, diesmal setzt sich die deutsche Regierung durch. Es gibt noch unzählige Punkte zu diesem Thema und ich sehe, dass andere Länder (z. B. im Norden) uns weit voraus sind – ob das an der Größe Deutschlands liegt oder an der Mentalität – ich bin sicher, dass wir in 10 Jahren die 3. Phase (Selbstverständlichkeit) erreicht haben werden.

Die Bundesregierung im Juni 2014: „Die Energiewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die alle Teile unserer Gesellschaft betrifft. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger befürwortet eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung. Und nur gemeinsam ist der Weg dorthin zu schaffen: Alle – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – müssen ihren Beitrag zur Energiewende leisten.“

Leider reicht der Platz nicht, um noch mehr Beispiele zu erwähnen, in denen Polyurethan in der Windenergie eingesetzt wird – denn viele Projekte sind realisiert worden, ohne dass die Verarbeiter es an die große Glocke hängen möchten. Schade, es würde so manches Argument gegen Polyurethan und für Epoxy entkräften – so wurde 1994 ein mit Polyurethan beschichtetes Auf- bzw. Abfangnetz zum Schutz für Fisch und Bauwerk um die Bohrinsel Heidrun (Nordsee) verlegt –, bis heute gibt es keine negativen Rückmeldungen. Da zumindest in der Beziehung Einigung herrscht – die Zukunft liegt im Offshore-Bereich –, bleibt es für mich spannend, wann ich endlich über die ersten Sockel-Beschichtungen von Windanlagen mit Polyurethan/Polyurea berichten kann – gemacht wird es bereits , leider still und leise.

Ich möchte mich hier bei all Jenen (Unternehmern, Verbänden, Fachjournalisten und Windenergieexperten) bedanken, die mir geduldig meine vielen Fragen beantwortet haben und auch wenn ich nicht alle Informationen verwenden konnte, so sind diese abgespeichert und in 2 Jahren wird es zeitnah zu den beiden Messen SMM und WindEnergy 2016 einen aktuallisierten Überblick geben.
Birgit Harreither

 


Veranstaltungshinweis

Holz – der neue Baustoff für Windenergieanlagen
der Multimegawattklasse?
Christian Kreyenschmidt, Produktentwickler und Bauleiter, ­TimberTower GmbH

Donnerstag, 24. Juli 2014, 16:15 Uhr
Universität Oldenburg
Gebäude V02, Seminarraum V02 1-114, 1.Stock
Ammerländer Heerstr. 136, 26129 Oldenburg

Anmeldung: ForWind – Zentrum für Windenergieforschung
Ammerländer Heerstr. 136, 26129 Oldenburg
Tel.: +49 441-798-5090 - E-Mail: info@forwind.de