Sustainability – Nachhaltigkeit

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und wird auf eine Publikation von Hans Carl von Carlowitz aus dem Jahr 1713 zurückgeführt, in der er von der „nachhaltenden Nutzung“ der Wälder schrieb. Hermann Friedrich von Göchhausen griff den Begriff 1732 auf. Er bezeichnet die Bewirtschaftungsweise eines Waldes, bei der immer nur so viel Holz entnommen wird, wie nachwachsen kann, so dass der Wald nie zur Gänze abgeholzt wird, sondern sich immer wieder regenerieren kann. Der Begriff wurde schließlich als „sustained yield“ ins Englische übertragen und fand Eingang in die internationale Forstwissenschaft (Quelle: http://de.wiktionary.org).

Der eigentliche Wortsinn war ursprünglich: „über längere Zeit anhaltende Wirkung“ – nun, dann ist der sinnvolle oder weniger sinnvolle „Missbrauch“ des Begriffs Nachhaltigkeit auf jeden Fall schon mal sehr nachhaltig. Selbst im alltäglichen Leben wird man permanent mit diesem Wort bombardiert. Sogar mein T-Shirt ist nachhaltig, aber hoffentlich nicht biologisch abbaubar – das wäre fatal.

Die Benutzung dieses Begriffs ist so dehnbar, dass man sie kaum noch ernst nehmen kann.

2012 wurden weltweit Nahrungsmittel für 12 Milliarden Menschen produziert – ca. 7 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde, wovon statistisch jeder 8. hungert. Andererseits sind laut UNO 1,4 Milliarden Menschen zu dick – frei nach dem Motto: „Ein Körper wie Gott ihn schuf und McDonalds ihn formte.“ Würde sich die gesamte Menschheit nachhaltiger ernähren, dann bräuchten Wissenschaftler und Politiker nicht ständig von Lebensmittelverknappung reden.

Cem Özdemir (Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen) machte die Plastiktüten in Deutschland für die Verschmutzung der Meere verantwortlich. „Sehr geehrter Herr Özdemir, eine Plastiktüte ist keine natürliche oder juristische Person, also nicht rechtsfähig.“

Aber gerade Plastiktüten tragen einen großen Teil zur Verwirrung bei – zumindest zu meiner – weil: Eine klassische PE-Tüte benötigt an die 500 Jahre, um vollständig zu verrotten. Die ökologisch korrekte und natürlich „nachhaltige“ Einkaufstüte wird aus nachwachsenden Rohstoffen wie Maisstärke hergestellt und ist biologisch abbaubar. Um dieser Biotüte die erforderliche Reißfestigkeit und Haltbarkeit einzuhauchen, setzt man wiederum 70 Prozent fossiler Rohstoffe zu. Dadurch verlängert sich die Abbauzeit enorm und die Tüten sind nicht für industrielle Kompostierungsanlagen geeignet. Mit konventionellem Kunststoff recyceln geht auch nicht – die PE-Abfälle würden verunreinigt werden. Kurz, die Biotüte wird derzeit verbrannt.
Hoffnung ist in Sicht, dank eines Enzyms, dass bereits beim Herstellungsprozess der PE-Tüte beigemischt werden kann. Sollte diese Tüte achtlos weggeworfen werden und kommt dabei dauerhaft mit den Mikroorganismen der Erde und dem Wasser in Berührung, zersetzt sie sich innerhalb weniger Monate und zurückbleiben zwei Grundbausteine der Natur – Wasser und CO2.

Halt, da stimmt wieder was nicht – CO2 ist ja ganz falsch. Zwar hat Wissenschaft und Industrie erfolgreich aufgezeigt, dass es Wege gibt CO2 sinnvoll zu verwerten – schon kommen die Lästerer und debattieren über das sogenannte CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) und wie gefährlich der Transport und die Speicherung des CO2 ist. Besonders kritisch sieht man vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz – ach nee – und das verwundert?

Methangas wird durch einen neuen Sündenbock abgelöst: N2O – weltweit werden jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lachgas in die Atmosphäre befördert. Hier ist die Landwirtschaft (u. a. der Rapsanbau) mit ca. 4,5 Millionen Tonnen ein großer Faktor. Grund dafür ist der verwendete Stickstoffdünger, der sich mit den Bodenmikroorganismen zu Lachgas umwandelt. Raps benötigt man zur Herstellung von Biokraftstoffen – ein sehr nachhaltiges Produkt – beißt sich hier die Katze in den Schwanz?

Hoffnung könnte ein Pilz bringen – der „Gemeine Spaltblättling“ kommt weltweit vor und weil er Lignin frisst, schädigt er die Wälder. Aber er kann noch etwas ganz besonderes, nämlich in und an seinen Zellwänden große Mengen eines Schleims ablagern, der ganz besondere Eigenschaften hat. Er verleiht Wasser die gleiche Viskosität wie Erdöl und wenn dieser Schleim in ausreichenden Mengen ins Gestein gepresst wird, so tritt das noch vorhandene Erdöl aus den Poren des Muttergesteines aus. Das würde die Ausbeute der Lagerstätten von 30 auf 45 Prozent erhöhen. Der Pilzschleim – ein Glucan – ist biologisch abbaubar, das gibt dann sicher wieder CO2.

Trotzdem ist diese Ausgabe dem Thema „Sustainable Polyurethanes“ gewidmet und es gibt hier noch viele sinnvolle Möglichkeiten.
Birgit Harreither


 

Der geplünderte Planet
Titel_Bardi_Emptying_fb„Der geplünderte Planet“ von Ugo Bardi war Umweltbuch des Monats Juli 2013.
Ugo Bardi will mit seinem Buch zur Ressourcenfrage einen Überblick geben über den historischen, den derzeitigen und den zukünftigen Rohstoffabbau und den Zusammenhang sowie zu dessen Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Natur zeigen.
Das Buch ist der inzwischen 33. Bericht an den Club of Rome. Er wurde von fünf Übersetzerinnen in Windeseile ins Deutsche übersetzt und erschien noch vor der englischen Originalausgabe.
oekom Verlag, München,
ISBN-13: 978-3-86581-410-4 (www.oekom.de)