75 Jahre Polyurethan...

75 Jahre Polyurethan und das Potential ist größer denn je. Wer die allgemeine Polyurethangeschichte nicht kennt, kann einfach mal folgende Bayer Website besuchen:  
www.pur.bayer.de/BMS/PUR-Internet.nsf/id/02_PUR_DE_Meilensteine

Wir wollten es uns nicht ganz so einfach machen und haben bei den verarbeitenden Betrieben recherchiert. Das kostete Zeit und einiges an Überredungskunst. Wer ist schon heute noch in Amt und Würden, der die Anfänge des PUs so einigermaßen miterlebt hat, und dann auch noch willig, darüber zu reden!? Aber es ist uns gelungen, einige Geschichten auszugraben, die nicht in der Literatur zu finden sind. Dazu gehört u. a., dass Bayer vergessen hatte, sich auch die Polyetherpolyole zu patentieren und in der Nachkriegszeit der Patentklau (für deutsche Patente) blühte, was Tür und Tor für Wettbewerber öffnete, die heute zu den „Global Players" gehören.

Einer meiner Favoriten aus der guten alten Zeit ist die folgende Anekdote: Wie jeder weiß, sind Isocyanate schädlich für die Lunge und können schwere Allergien hervorrufen. Wie auch jeder mit einigermaßen chemischen Vorkenntnissen weiß, reagiert die NCO-Gruppe mit einer OH-Gruppe (also Alkohol) zum Polyurethan. Damit nun die Arbeiter an den Schäum- und Gießanlagen gegen die schädlichen Isocyanatdämpfe geschützt wurden, musste früher während der Schichten Bier getrunken werden, um die NCO-Gruppen zu binden und unschädlich zu machen. Irgendwann stellte man fest, dass der Anteil an Alkoholikern im Werk dramatisch zunahm, also stieg man auf Milch in ½-Literpackungen um, da ja Milch bekanntlich schon im Mittelalter die Wirkung von verschiedenen Giften lindern konnte. Erst später fand man heraus, dass damit genau das Gegenteil bewirkt wurde, denn dadurch wurde das Isocyanat erst recht in die Blutbahn gebracht. Irgendwann hat dann keiner der Arbeiter mehr die Milch getrunken, sondern mit nach Hause genommen und daraus wurde für die Kinder Pudding gekocht.

Die tägliche Milchration gab es in einigen Werken noch bis Anfang der 90er Jahre - über heimliche Bierrationen konnte ich nichts in Erfahrung bringen!
In dieser Ausgabe geht es um das Auto und die ersten Polyurethananwendungen.

Der absolute Wahrheitsgehalt einiger historischer Polyurethanbegebenheiten ließ sich nicht 100%ig nachweisen - es wäre also sinnvoll, nicht alles auf den Punkt genau ernst zu nehmen.

Die uns zur Kenntnis gebrachten ältesten Anwendung im automobilen Bereich datieren auf Mitte/ Ende der 50er Jahre. Es wurden wartungsfreie Lagersysteme für Autos gebaut. Die Pfannen für die Kugelköpfe mussten aus fettbeständigen Kunststoffen hergestellt werden - das war Polyurethan. Anfang der 60er Jahre entwickelte Dr. Reuter gemeinsam mit der Lemförder Metall (heute ZF) Kugellager und Dämpfungssysteme aus TPU. Das Material kam von Bayer und von Dr. Reuter, die ersten Gehversuche in der Spritzgusstechnik gelangen mit dem Maschinenhersteller Stübbe.

 

Foto1-Vertikalschneidemaschine Vertikalschneidemaschine von 1954 A. Bäumer

Im Hause Häger & Kässner (heute DOW) waren Filterscheiben die ersten automobilen Anwendungen (ca. 1962).

Etwas verschwommener sind die Angaben, nämlich von 1962-1978, zur Hinterschäumung der ersten In­strumententafeln.

1962 lieferte Fibrit geschäumte I-Tafel an BMW, PU-Schaum mit PVC-Slushhaut (Isocyanat kam von Bayer, Polyol von Harburger Fettchemie, heute HOBUM) - Fibrit wurde 1998 von JCI übernommen. Nach der Eröffnung 1973 verlagerte BMW die komplette Produktion der BMW 5er Reihe nach Dingolfing. Ab 1974 fertigte die Firma Freudenberg die I-Tafeln für den 5er BMW aus PUR. Heute ist das Werk Dingolfing der größte Produktionsstandort der BMW Group. 1977-78 versuchte sich die Fima Happich an einer PU Slushhaut für den 7er BMW (weitere Infos waren nicht aufzutreiben). Auch die I-Tafeln von VW und anderen Automobilherstellern fallen in diesen Zeitrahmen. Und die erste PUR-Sprühhaut gab es bei AUDI (Bericht Seite 22). Ende der 60er Jahre begann man aus PUR-Blockschaum, der auf Spaltmaschinen (Foto: Vertikalschneidemaschine von 1954 A. Bäumer) in Bahnen geschnitten und mit Stoff kaschiert wurde, die  ersten Autositze herzustellen. Anfänglich wurden die Sitze manuell gefertigt, wobei bis zu sieben verschiedene Schaumstoffqualitäten zusammengeklebt wurden. So auch bei Mercedes, wo ein 75-jähriger Mitarbeiter es geschafft hatte, jahrelang die Formschäume aus seinen Autos rauszuhalten, weil diese nicht so offenzellig waren - obwohl die Fertigung im Vergleich zum Sitzformschaum mehr als zwei mal so teuer war.

Ca. 1976 begann man mit den Hohlraumausschäumungen der Holme (als Abdichtung zwischen Kofferraum und Innenraum) - z. B. Ford, VW ...

1978 kam eine EMB-Maschine (Elastogran MaschinenBau) zu der Ehre, für die Firma Polyair (später LIM) PU-Reifen herzustellen (Bericht S. 35 ff.).

In den 80er Jahren (ca. 1986) schaffte es ein Polyurethanmann der Chemiegesellschaft Gundernhausen (heute Rieter Automotive) nach langwierigem Hin und Her, Daimler davon zu überzeugen, dass ein PUR-Schaum zur Akustikdämmung genauso gut - wenn nicht sogar besser - als das althergebrachte Baumwollvlies geeignet ist.

Ebenfalls in den 80er Jahren versuchte man in Europa, das RRIM-Verfahren für Verkleidungsteile einzuführen. So hatte Strapazzini (gehört heute zu LEAR) eine Bayer-Entwicklung (15-23 % glasfasergefülltes PUR-System auf DDTA-Basis) für die Türinnenverkleidung bei Maserati und Ferrari eingesetzt. Man dachte, es könnte Polypropylenteile auch in Großfertigungen ersetzen, da PP viel günstiger war, aber auf Wachs hielt kein Lack. Nachdem dieses Problem in den 90ern gelöst werden konnte, war das der Tod von PU. Die einzigen Großserienanwendungen waren der VW Tuareg und der Porsche Cayenne.

 

FotoFaltenbalgfoto1 Foto_BASF_Faltenbalg_BUS_Foto2_001_(3)

 

PS: Das größte PU-Teil aller Zeiten (ca. Ende der 70er) - ein Faltenbalg aus einem MDI-Integralschaum von Elastogran (BASF Polyurethanes), den die Firma Taurus in Ungarn für die Firma IKARUS, das größte Gelenkbusbauunternehmen, gefertigt hatte.

Und wie könnte jetzt die Zukunft aussehen?

Das erfahren Sie u. a. natürlich auf der VDI-Tagung „Kunststoffe im Automobil"!

Wir werden auch wieder unsere „Previews" für folgende Veranstaltungen zeitnah online stellen: JEC, NPE, UTECH Europe, PaintExpo und American Coatings Show. Bitte senden Sie uns hierzu ihre aktuellen Ausstellermeldungen zu.

 

Birgit Harreither

 


Aktueller Stand des Wettbewerbs um die älteste - noch im Einsatz befindliche - PUR-Verarbeitungsmaschine!
Wer jetzt noch mitmachen will, muss sich ziemlich anstrengen - wir liegen bei nachgewiesenen 1963 mit Option auf 1959, das liegt zur Klärung beim entsprechenden Maschinenhersteller.