E-Mobilität auf Kosten der Steuerzahler?

Im Rahmen der Bürgerschaftswahlen am 23. Februar 2020 in Hamburg hatte der regionale Radiosender „Radio Hamburg“ die beiden Hauptkandidaten zu einer morgendlichen Fragestunde eingeladen. Die Zuhörer sollten vorab ihre Fragen einreichen. Soweit – so gut! Ich höre morgens zum Aufwachen auch Radio HH und da wurde die Frage einer Zuhörerin vorgetragen: „Warum fährt die Hamburger Bürgerschaft immer noch mit ihren „Bonzenautos“ durch die Gegend, statt endlich auf E-Autos umzustellen?“

 

Das erinnerte mich daran, dass ich Anfang November 2019 am Parlamentarischer Abend des Bundesverbands für Windenergie (BWE HH) teilgenommen habe – Stargast war Jens Kerstan, Senator für Umwelt und Energie, Bündnis 90/Die Grünen. Da dieser gleich nach seinem Vortrag wieder wegmusste, hatte sein Amtsleiter die Frage-&-Antwort-Runde übernommen. Da wurde gesagt, dass man es bedauerlicherweise versäumt hat, die Hamburger Beamten mit E-Autos auszurüsten (dies aber nicht für Polizei und Rettungsdienst angedacht sei – klingt vernünftig). Aber man will das ab sofort ändern und auf E-Mobilität umrüsten.

 

Ich möchte dazu mal anmerken, dass Hamburg ein durchaus akzeptables öffentliches Verkehrsnetz betreibt und trotz allem Gemeckere auch über Fahrradwege verfügt, die weit besser als in manch anderen Großstädten sind. Ich hatte mir damals die Rückfrage verkniffen, warum es jenen Beamten mit Anspruch auf Dienstwagen nicht zumutbar sei, diese volksnahen Verkehrsmittel inklusive kleiner Fußwege ebenfalls zu benutzen, um CO2 zu sparen, und die Umwelt tatsächlich zu schonen. E-Autos kosten nun mal deutlich mehr und werden in diesem Fall vom Steuerzahler getragen. Ich sehe das nicht ein, dass das eine Lösung des Problems sein soll.

 

Überhaupt verwirrt mich allmählich die ganze Situation. Warum stürzt sich die deutsche Automobilindustrie mit der Politik gemeinsam so vehement auf das E-Auto? Man tut gerade so, als gäbe es wirklich keinen anderen Weg und verschweigt, dass die E-Mobilität so einige Macken hat inklusive der Tatsache, dass, wenn man nur mal angedacht in 10 Jahren alles komplett umgestellt hätte, gar nicht genug Strom vorhanden sein würde – ich höre jetzt schon alle, AKW und Kohlekraft-Befürworter schreien: „wir haben’s ja gesagt“.

 

Ich habe mich mal auf die Suche gemacht, ob es irgendwo eine Studie gibt, die ehrlich und fair alle Antriebsarten für Automobile vergleicht und aufzeigt, wo die Vor- und Nachteile liegen. Auch würde mich der CO2-Footprint über die gesamte Lebensdauer (Herstellung, Einsatz, Verwertung) interessieren. Viel habe ich nicht gefunden, aber zumindest habe ich zum Thema Wasserstoff einiges gelernt – so z. B. den Irrglauben dass H2 wegen seiner kleinen Molekülgröße nicht dauerhaft speicherbar sein soll.

 

„Vergleich der Autoantriebe – Vor- und Nachteile im Überblick“
https://www.futurezone.de/produkte/article213826151/Von-Benzin-bis-Wasserstoff-Autoantriebe-im-Vergleich.html
In diesem Artikel von 2018 werden Benziner, Diesel, CNG/LPG-, Wasserstoff- und E-Autos verglichen. Da werden auch die jeweiligen Vor- und Nachteile genannt – nicht allem kann ich wirklich zustimmen, aber es gibt einen recht guten Überblick auf für Laien.

 

Reinigt der Diesel wirklich die Luft?
https://www.auto-motor-und-sport.de/news/dieselabgase-partikelmessungen-im-realbetrieb/
Da steht als Fazit: „Es klingt kurios, aber ein Diesel holt tatsächlich sehr häufig mehr Feinstaub aus der Umgebungsluft, als er selbst hinzufügt.“ Ja schade, dass der Skandal den Ruf so nachhaltig geschädigt hat.

 

Deutscher Wasserstoff- und Brennstoffzellenverband e. V.: Wasserstoff-Sicherheits-Kompendium (Reinhold Wurster, LBST, und Dr. Ulrich Schmidtchen, DWV), November 2011
https://www.dwv-info.de/wp-content/uploads/2015/06/Wasserstoff_kompendium.pdf
Schon etwas älter, aber ein sehr ausführlicher Bericht über Sinn und Nutzen von Wasserstoff.
Und noch ein Irrglaube wird hier widerlegt – dass H2 ja so explosiv ist. Es sei den Chemielehrern in der Schule gedankt, dass das Knallgasexperiment immer noch begeistert und frühzeitig Vorurteile in den Köpfen festsetzt.

 

Mein Fazit: Ich würde mir eine eher realistische statt sachlich-überschwängliche Diskussion der Fakten wünschen, denn so wie uns derzeit die Zukunft der Mobilität gepredigt wird, lässt sie sich nicht zeitnah umsetzen, zumindest nicht in dem Zeitintervall, den ich noch erleben werde, und bei dem Anstieg an Mobilitätsbedarf, den die stark wachsende Menschheit beanspruchen wird.

 

Übrigens: Die WindEnergy Hamburg vom 22.–25. September 2020 steht unter dem Motto „Climate First“. Im Mittelpunkt stehen die Schlüsseltechnologien der Energiewende: Elektrifizierung, Energiespeicherung und Power-to-X-Lösungen. Profis der Windstromproduktion und Spezialisten für Elektrifizierung und Umwandlung erneuerbarer Energie in Wasserstoff und Wasserstoff-Anwendungen werden in der Halle B7 im Networking-Bereich „H2Insights“ zukunftsfähige Lösungen und Geschäftsmodelle vorstellen und diskutieren.

 

Birgit Harreither