„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.“ Matthias Claudius (1740–1815)

2018 ist es dann das Auto, die Bahn und der Flieger. Obwohl ich sonst eher kein Freund von Nachberichten bin – denn nach der Messe ist ja schon wieder vor der Messe –, möchte ich diesmal hier meine Eindrücke der letzten 8 Wochen erzählen. Keine Sorge, das wird kein Reisebericht für den Marco-Polo-Reiseführer oder TUI, aber es gibt immer mal ein paar nette Gespräche, die man so nebenher führt und die durchaus informativ sind.

 

Foto 1 DESMA Schuh IMG 7805Anfangen möchte ich bei der DESMA Schuhmesse (den offiziellen Bericht dazu können Sie im Veranstaltungsbereich lesen). Bei einer Weltbevölkerung von ca. 7,65 Mrd. Menschen werden 2018 mehr als 24 Mrd. Schuhe produziert – d. h. also durchschnittlich drei Paar Schuhe pro Kopf. Für mich sehr erfreulich – der Polyurethananteil im Schuh nimmt wieder zu. 2018 dürfte der geschätzte Bedarf an PUR (reaktiv + TPU) weltweit bei ca. 420.000 Tonnen liegen, der weitaus größte Teil (ca. 80%) wird natürlich in Asien verarbeitet, die EMEA-Länder liegen mit gut 16% an 2. Stelle vor Amerikas (Nord- und Südamerika). 10% der Schuhe werden im Direct-Soling-Verfahren gefertigt, 90 % werden immer noch verklebt. Insgesamt klingt das gigantisch viel, aber bei einem Gespräch mit einem brasilianischen Unternehmen an der Würstchenbude vor der Ausstellerhalle wurde mir dann erzählt, dass in diesen Zahlen auch die ca. 1,4 Millionen Paar Flip-Flops, die täglich in Brasilien gefertigt werden, einfließen und Brasilien damit in der Statistik auf Platz 4 in der Weltrangliste der Schuhproduzenten steht.
Schon beim letzten Mal wurde die „FitStation“ präsentiert, nur war die Schlange so lang, dass ich es nicht zu einem Paar personalisierter Schuhe geschafft habe – diesmal hatte ich mehr Glück (siehe Bild 1). Trotzdem warte ich immer noch auf den bequemen etwas eleganteren

Frauenschuh – vielleicht klappt’s 2020!

 

Foto 2 RIGA IMG 7357 bEine Woche vorher fand die FEICA European Adhesive & Sealant Conference and EXPO 2018 in Riga mit 600 Teilnehmern aus 35 Ländern statt und hatte auch im Bereich PU ein paar interessante Beiträge zu bieten.

 

PCC Rokita stellte eine neue Produktreihe Polyole „Rokopol iCan“ für 1K-Schäume vor, die durch ausgewählte Eigenschaften unterschiedlichste Parameter beeinflussen können, auch die mögliche Reduzierung von PMDI im 1K-PU-Schaum wurde analysiert.

 

Lanxess stellte sein LF-Präpolymere für Kleb- und Dichtstoffe sowie 1-K-Schäume vor.

Übrigens ist Riga eine wirklich sehenswerte Stadt – jung, freundlich, musikalisch und mit tollen Sehenswürdigkeiten. Diese Reise hat sich doppelt gelohnt.

Mein Ausflug zur WindEnergy-Messe war dafür eher ernüchternd. Der Netzausbau wird sich zum Politikum in Deutschland, was klar werden lässt, dass das Abschalten der Kernreaktoren und der Verzicht auf Braunkohlestrom für 2020 völlig unrealistisch ist – aber wie heißt es so schön: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Fragen von einem Spiegel-Journalisten während der Pressekonferenz zum Thema Stellenabbau in Deutschland bei Siemens Gamesa wurden sogar reichlich ruppig abgewürgt – die Windenergiewirtschaft wächst weltweit, das sollte doch wohl reichen, um alles positiv zu sehen.
Fragen, wie man den Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz einspeisen kann und welche langfristigen Speichermöglichkeiten verfügbar sind, wurden wohl eine Woche vorher in Linz bei einer EU-Energiekonferenz erörtert – viel war von den Ergebnissen nicht zu hören. Da ist es doch eine willkommene Abwechslung zu erwähnen, dass von den 2000 Gigawatt-Kohlekraftwerken in Asien die Hälfte in kritischem Zustand ist – lenkt so schön von den eigenen, teils hausgemachten Problemen in Europa ab.

 

Foto 8 IZB VW IMG 7782Weiter geht’s zur IZB nach Wolfsburg, übrigens mein erster Besuch. 838 Aussteller aus 34 Nationen, 38 Weltpremieren und gut 50.000 Besucher: eine beeindruckende Bilanz. Sie vermittelte ein umfassendes Bild der sich im Umbruch befindenden automobilen Wertschöpfungskette. Der Schwerpunkt „Think Digital“ stellte digitale Lösungen und Schnittstellen für Produkte, Produktion und Prozesse der Automobilbranche in den Mittelpunkt. Vernetzung, autonomes Fahren, Elektromobilität und Künstliche Intelligenz, das sind die Themen, die aktuell den Puls der Branche bestimmen. Das Fahrzeug wird Knoten- und Mittelpunkt der Kommunikation in einer künftig stets vernetzteren Mobilität. Soweit die offiziellen Informationen.

 

Zitat: „Wer bei VW liefern will, der muss dort ausstellen – wer nicht, kann zuhause bleiben!“ So kann man es natürlich auch sehen. Noch härter war der Kommentar am Eröffnungsabend nach den Vorträgen vom neuen VW-Vorstandschef Dr. Herbert Diess & Co.: „Solange die alten S…(Herren) das Sagen haben, wird’s mit der E-Mobilität nicht wirklich vorangehen.“

 

Foto 6 IZB VW IMG 7779Ich grüble jetzt noch darüber nach, ob ich auch schon in diese Kategorie gehöre – aber ich habe ja definitiv nicht das Sagen!

 

Neben der zu verbessernden Reichweite gibt es in der E-Mobilität zwei wichtige Themen, die auch Polyurethan betreffen: Geräuschdämmung und Gewichtseinsparung. Da das Motorengeräusch fehlt, sind Nebengeräusche deutlicher wahrnehmbar und das Gewicht von E-Autos wird durch die Batterie mal eben um einige 100 kg erhöht.

 

Recticel stellte auf der IZB Colo-Sense X Lite (650g/m³) vor, eine hochwertige Polyurethanhaut für den Interieurbereich mit bis zu 20% Gewichtsreduktion und 50% geringerem VOC durch weniger Materialeinsatz gegenüber dem bisherigen Colo-Sense Lite (750g/m³). Colo-Sense X Lite erfüllt die höchsten Anforderungen, ist noch flexibler und dadurch weniger anfällig gegen Deformationen. Ebenfalls vorgestellt wurde eine PU-Haut mit Metalliclook – brandneu und noch ohne Markennamen.

 

BASF suchte auf der IZB neue Anwendungen für Infinergy einem superelastischen Schaum – bekannt durch Einsätze in Laufschuhen und Fahrradsätteln sowie als Schaumeinlage in Fahrradreifen. Für Infinergy gibt es aber auch neue Anwendungsideen, wie z. B. dauerelastische Dämpfungselemente usw., die die Vorteile des Materials (Gewichtseinsparung, hohe dynamische Eigenschaften) nutzen können.

 

FoamPartner stellte einen neuen Polyurethanschaum auf Etherbasis für die Wärmedämmung im Dachhimmel vor. Die ersten 60-m-Blockschäume wurden schon bei Otto Bock in Duderstadt gefertigt. Im März 2019 wird man ein Concept Car auf dem Genfer Automobilsalon präsentieren. Dies soll ein Schritt nach vorne sein, um nicht von Tier-1+2-Zulieferern ausgebremst zu werden und zu zeigen was mit Polyurethan und natürlich auch anderen Schäumen im E-Auto möglich ist.

 

Für die SAPA Group war die Präsentation der ONE-SHOT-Methode zur Herstellung von innovativen Automobilkomponenten auf der IZB eine Premiere außerhalb des italienischen Marktes. Gezeigt wurde eine Motorabdeckung, die in nur 60 Sekunden gefertigt werden kann. Bisher war das Problem einen geeigneten Polyurethanschaum mit der gleichen Zykluszeit wie PA66 zu formulieren. Für das ONE-SHOT-Produktionsverfahren wird eine Doppelform verwendet. Im oberen Bereich wird die PA66-Abdeckung gefertigt und die Karbonfasermatte integriert. Parallel dazu wird im unteren Bereich der Form die speziell dafür entwickelte Polyurethanschaumformulierung aufgetragen – beides erfolgt im 1-Minutentakt. Dadurch sind keine Verschraubungen mehr nötig. Vorteile sind eine bis zu 300% höhere Produktivität und eine Kosteneinsparung von bis zu 10%.

 

Foto 4 SAPA Engine Beauty Cover
Foto 3 SAPA ENGINE

 

„Die ONE-SHOT-Methode ist jetzt seit einem Jahr auf dem Markt und bricht mit 20 Jahre alten Produktionsprozessen. Die Wertschätzung, die wir von Automobilherstellern, Branchenexperten und Besuchern erhalten haben, war mehr als eine Bestätigung für unsere Arbeit“, sagte Giovanni Affinita, Geschäftsführer, Chief Sales Strategist und Vorstandsmitglied der SAPA Group. Er fügte hinzu: „Dies ermutigt uns, den eingeschlagenen Weg weiter entschlossen zu gehen und Automobilkomponenten mit diesem revolutionären Verfahren zu produzieren.“

 

Von Wolfsburg schnell (na ja, der Dauerstau verhindert ein allzu schnell) weiter nach Hannover, wo parallel erstmalig die FoamExpo Europe stattfand. Ich habe selten eine so positive, ja schon begeisterte Resonanz erhalten, wie zu dieser Veranstaltung. Viele Aussteller waren hoch erfreut über zahlreiche Neukontakte, u. a. aus Osteuropa. Laut Veranstalter waren bereits nach dem 2. Messetag über 3000 Besucher aus 82 Ländern und 6 Kontinenten da – also in meinem Weltbild gibt’s halt immer noch 5 Kontinente, aber ich habe brav gegoogelt und jede Aussage zwischen 4 und 7 ist heute richtig! Da der letzte Tag wohl sehr ruhig verlief, tippe ich mal auf einen Endstand von maximal 3500.

 

Was mir im Vorwege gar nicht so bewusst war, einer der Mitinitiatoren für diese Messe waren die Blockschäumer, die sich bisher nicht so richtig auf verschiedenen Messen vertreten sahen. Der Grundgedanke – eine „Schaumstoff“-Messe zu veranstalten, in der letztendlich der Besucher davon profitiert, dass er zwar weiß, dass er einen Schaum sucht, aber eben noch nicht welchen, dort auf jeden Fall fündig wird – klingt für mich logisch. Umso verwunderter darf man sein, dass sich außer dem europäischen Weichschaumverband EUROPUR, keiner der sonstigen Schaumverbände dort als Aussteller präsentierte. Fazit: Die Messe hat Potenzial!

 

Auch hier wurden einige Neuigkeiten präsentiert:
Simalfa stellte neue Kleber auf PU-Basis vor, die gleich nach dem Auftrag bereits über einen guten Tack verfügen. Vorteil im Gegensatz zu feuchtigkeitsvernetzenden Klebern ist die Soforthaftung, des Weiteren sind sie lösungsmittelfrei und enthalten keine freien Isocynanate. Zurzeit ist der Kleber nur als 2-K-System verfügbar. Es wird aber bereits an einer 1-K-Lösung gearbeitet. Anwendungsgebiete sind die Verklebung von Polstermöbeln, Matratzen, Isolierstoffen usw. – das Schwerpunktthema: chloroprenfreie Kleber.

 

Anmerk.: Was mich erinnert, irgendwo gehört zu haben, dass es in ein paar Jahren kein Chloropren mehr geben soll – bedeutet das, dass es dann auch kein Neopren (Handelsmarke) für meinen Taucheranzug gibt? Da muss ich mich jetzt mal schlau machen.

 

Bei der VITA Group/Metzeler war u. a. der Silent Tire ein Gesprächspunkt, wenn auch nicht ganz neu. Ab ca. 110 km/h kommt es durch die Gravitation im Reifen zu Vibrationen, die zu einem Klappern im Fahrzeuginnenraum führen können. Bei E-Autos ist das Problem wohl noch größer, da durch das höhere Gewicht des Fahrzeugs mindestens 19-Zoll-Reifen verwendet werden müssen. Hierfür hat Metzeler einen speziellen NVH(Noise Vibration Harshness)-Polyurethanschaum auf Polyetherbasis entwickelt, der als Streifen in die Innenseite der Reifenlauffläche eingeklebt wird. Von Tesla sind schon einige Anfragen eingegangen und das Produkt eignet sich auch für die Nachrüstung.

 

Nitroil stellte u. a. seine Nitroil-PU-A-100-Sprühmaschine mit erweiterten Funktionen vor. Die Anlage kann durch einen modifizierten Mischkopf, neben den üblichen Sprühanwendungen, auch für Gieß-, Form- und Injektionsschäume eingesetzt werden. Auf der FoamEXPO war die Hauptnachfrage als Technikumsanlage (Brandschutzschäume, energieabsorbierende Schaumpolster, gefüllte Isolierschäume) sowie für Rapid-Prototyping-Anwendungen. Dafür wurden verschiedene Funktionen hinzugefügt (u. a. vorwählbares Austragsvolumen, verzögerte Spülung des Mischkopfes, Sekundärmischung, Monitoring und Protokollierung der Verarbeitungsparameter usw.).

 

Foto 9 Nitroil FoamExpo P1220178

 

Foam Supplies stellt die Ecomate Treibmittel her, die umweltfreundlich und kostensparend als HFC-, HCFC- und nicht smogverursachender Kohlenwasserstoff-Ersatz zur Herstellung von Hart- und Weichschaum, sowie Integralschaum und extrudiertem Polystyrol (XPS) verwendet werden. Ecomate-Produkte sind im Polyol eingemischt stabil und können ohne größere Prozessänderungen zum Einsatz kommen. Seit 2 Jahren ist das amerikanische Unternehmen in Italien mit einer Niederlassung vertreten und hat vor einem Jahr am Standort Correggio mit der Produktion begonnen.

 

Eurofoam – Recticel ist eines der Unternehmen, die aktiv die Messe mitinitiiert haben, nachdem sie in den USA so erfolgreich angelaufen war. Präsentiert wurde der KAPUA-Matratzenschaum (KAPUA kommt aus der Maorisprache und bedeutet Wolke), der aus CO2-Polyolen hergestellt wird, bedeutet mind. 1/7 des üblichen Rohölbasisanteil wurde durch CO2 ersetzt. Matratzen aus KAPUA-Schaum sind komfortabel, haltbar und OEKO-TEX- und CertiPUR-zertifiziert.
Unter „Silentium3“ präsentierte Recticel verschiedenste Weichschaumlösungen, um Industrieanlagen geräuschärmer zu gestalten. Der Silent-Tire war auch hier im Angebot.

 

Und weil die Woche sonst ja langweilig geworden wäre, ging’s dann weiter zur FAKUMA – ob das jetzt noch nötig war, sei dahingestellt. Nach dem diesjährigen Überangebot an PU-relevanten Veranstaltungen gab’s ein paar interessante Gespräche und ein Wiedersehen mit alten Bekannten ohne große Neuigkeiten.

 

Über das eine oder andere Thema wird in den nächsten FAPU-Ausgaben sicher noch mehr zu lesen sein.

 

Birgit Harreither