Das ewige Drama um die Plastiktüte

Ja, ich weiß, inzwischen hat bereits jeder seinen Senf zu diesem Thema dazugegeben und jetzt komm ich auch noch damit. Dabei spielt Polyurethan da jetzt keine so große Rolle, aber die Verfälschungen von Statistiken und halbgare Pressemeldungen in Funk und Fernsehen, die bestenfalls zur allgemeinen Verwirrung beitragen, und die Tatsache, dass so gar nichts darauf hinweist, wie man nun des „Marine Litterings“ wirklich konsequent Herr werden kann, ärgern mich so allmählich gewaltig. Das kann doch keiner mehr durchschauen.

 

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Das geht schon mal los damit, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten in Deutschland 2010 mit 64 Stück beziffert wurde (Abb. 1 Statistik aus 2010) und lt. einer neuen Statistik aus 2016 wohl auf 45 gesunken ist. Komischerweise zeigt diese neue Statistik (Abb. 2) aber an, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten im Jahr 2010 bei ca. 80 lag. 2016 waren denn dann auch von den 45 Stück 38 Plastiktüten mit einer Wandstärke unter 50 μm – dieser Unterschied wird auch erst seit 2014 dokumentiert und bedeutet, dass Deutschland die EU-Richtlinie für 2025 bereits jetzt erreicht hat. Wieso werde ich dann aus den Nachrichten vollgequakt, dass Deutschland den höchsten Verbrauch hätte, obwohl die Grafik aus 2010 zeigt, dass dem bei weitem nicht so sein kann? Außer alle anderen EU-Länder, die im Ranking weit darüber liegen, hätten auf einmal alle drastisch reduziert. Aber nein – so ist das ja nicht gemeint – 80 Mio. Menschen verbrauchen nun mal insgesamt andere Mengen als 20 oder 10 Mio. Menschen in einem Land – wäre schon schön gewesen, das ebenfalls zu erwähnen ...

… und auch erwähnenswert in den Medien wäre doch bitte die Tatsache, dass von den 8 Mio. Tonnen Kunststoffmüll in den Weltmeeren 96 % aus Afrika und Asien (50 % China) stammen und Europa mit USA gemeinsam für nur ca. 2 % verantwortlich sind und die restlichen 2 % von Südamerika, Australien und Neuseeland kommen.

Wenn wir es also weltweit schaffen würden, komplett auf Plastiktüten zu verzichten, hat uns der Ozean wieder lieb!?

 

Pro Kopf weggeworfene PlastiktAten in der EU nach Laendern Statistik

Abb. 2: Quelle: statista.com

 

Falsch: „Laut einer Studie der britischen „Plymouth University“ gelangen bei einer durchschnittlichen Wäsche rund 138.000 Fasern aus Polyester-Baumwoll-Mischgeweben ins Abwasser. Bei einer Wäsche mit reinem Polyester sind es sogar 496.000 Fasern. Diesen erschreckenden Wert kann nur noch Acryl-Gewebe mit 730.000 Fasern pro Wäsche toppen. Also zurück zum Baumwollshirt – nein, ganz falsch, denn die Hälfte der weltweiten Baumwolle stammt von künstlich bewässerten Flächen. 1 kg Baumwolle benötigt zwischen 10.000 und 17.000 l Wasser. Wie die Ökologie bei der Herstellung von Wolle, Seide und Leinen aussieht, hab ich jetzt nicht im Einzelnen recherchiert – aber es gibt überall was zu meckern. Am besten wir laufen wieder nackt rum oder hüllen uns doch in Tierhäute und Felle? Aber das ruft dann vermutlich die Tierschützer auf den Plan.

Selbst dann wäre es noch nicht gut. Es wurde ja auch festgestellt, dass der Reifenabrieb auf den Straßen durch den Regen ins Meer wandert – bis zu 1,5 kg soll ein PKW-Reifen während seiner Lebensdauer von durchschnittlich 4 Jahren verlieren. Für die Schäden durch Plastikpartikel in Kosmetik, dem Schiffslack und Sonstiges reicht der Platz hier nicht aus.

 

Daher lebe die Wissenschaft!
Da gibt es PET-fressende Mikroben, PE-vertilgende Motten und diverse Bakterien, die Kunststoffe zersetzen können - hat man entdeckt und kann man züchten.

Hmmm – Sie werden mir hoffentlich verzeihen, dass ich jetzt nicht in Begeisterung ausbreche, denn wie lange brauchen die, um sich durch 8 Mio. Tonnen Kunststoffmüll in den Weltmeeren durchzufressen? Ist das überhaupt realistisch – vorausgesetzt es kommt kein weiterer Müll dazu? Was genau wird dabei ausgeschieden? Irgendwelche Abbauprodukte muss es geben – ein Naturgesetz! Welche Folgen hätten diese, selbst wenn sie in geringen Mengen noch harmlos wären, dann auf das Ökosystem? Und wenn wir endlich keinen Kunststoffmüll mehr haben – müssen die Tierchen dann verhungern?

Können Biokunststoffe diese Probleme lösen? Mir würde auch der Ansatz der Firma Neste gefallen, die aus Kunststoffabfällen erneuerbaren Diesel herstellen können – aber da war doch auch schon wieder was!

Sicher sollte jeder von uns hier in Deutschland bzw. in ganz Europa an der 2 %-Schuldquote konsequent arbeiten. Nur wird das allein nichts nützen, es bedarf dringend einer realistischen, sinnvollen, aber eben „globalen“ Lösung. Hat da jemand eine Idee?

Ganz bestimmt keine Lösung ist die Kunststoffsteuer in Deutschland – zumindest hat mir bislang noch keiner erklären können, was das bringen soll.

 

Birgit Harreither