Vergangenheit und Zukunft des Polyurethanreifens

John E. Morgan, Principal of Morganisation e. U.

PUR-Reifen-4Wenn von Zeit zu Zeit der Begriff Polyurethanreifen auftaucht, denkt jeder sofort an Vollelastomerräder, vorwiegend für Gabelstapler oder Industriemaschinen, die über Müllhalden oder Schuttkippen fahren und deren Reifen hochschnittfest sein und weniger Gewicht haben sollten. Diese gibt es seit vielen Jahrzehnten, haben sich als extrem brauchbar erwiesen und konnten in vielen Anwendungen niemals ersetzt werden.

Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, ob es jemals einen alternativen PU-Reifen, mit ähnlichen Eigenschaften gab, der auch für Automobile eingesetzt werden konnte. Diejenigen, die schon vor vier Jahrzehnten in der Industrie unterwegs waren, können sich sicher noch an die Episode der Polyair-PU-Reifen, später umfirmiert in LIM-Reifen, erinnern.

Background

Mitte der 60er Jahre war die gesamte Reifenindustrie angesichts des großen Dilemmas in Aufruhr, ob und wann man sich vom traditionellen Diagonalreifen der effizienteren und  unendlich überlegeneren Radialkonstruktion zuwenden sollte, die von  Michelin in Frankreich und von BFGoodrich in den USA vermarktet wurde.

PUR-Reifen-3Während sich der Standarddiagonalreifen über Jahre bewundernswert bewährt hatte, wurden die Autos immer fortschrittlicher und boten verbesserte Straßenlage, höhere Geschwindigkeiten, besseren Komfort usw. Zu diesem Zeitpunkt waren Asphaltstraßenbeläge bereits Standard in der westlichen Welt, wodurch das Limit des armen alten Diagonalreifens erst recht erreicht war. Und „schwups" war der Radialreifen geboren.  

Dieses neue Verfahren war nicht einfach oder billig, es war etwas total anderes (ein Quantensprung) im Vergleich zur einfachen Diagonalreifenherstellung. Es erforderte eine komplett neue Technologie, die hausintern entwickelt werden musste, riesige Kapitalinvestitionen und eine lange Reifezeit benötigte.

Einige der größeren US-Firmen versuchten die Entwicklung zu verzögern, da die Fahrbedingungen in den USA durch fast ausschließlich gerade verlaufende Straßen und eine nationale Geschwindigkeitsbegrenzung keine verbesserten Reifen für höhere Geschwindigkeiten erforderte. Um den Anschluss aber nicht zu verpassen, wickelte man ein umlaufendes Gürtelband um den Diagonalreifen und benannte ihn um in „Bias-Belted"-Reifen mit der Behauptung, die Vorteile beider Technologien in einem zu vereinen.  Da das Herstellungsverfahren für Stahlgurte nicht fertig verfügbar war, wurden die Gurte eigentlich aus Glasfaser hergestellt! Letztendlich gaben die Amerikaner auf, machten eine sogenannte Kehrtwende und begannen Stahlgürtelreifen mit Hilfe des frisch akquirierten europäischen R&D-Center zu fertigen.

Dieser große Schritt war gut für die westliche Welt der 60er Jahre, die die nötigen Investitionen finanzieren konnten, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Aber wo blieben die Entwicklungsländer mit ihrem steigenden Transportbedarf?

Die Entstehung von LIM
PUR-Reifen1-aDie Welt war bereit für einen großen Umbruch und Anfang der 70er Jahre tauchte ein charismatischer Unternehmer mit chemischem Background aus dem Burgenland (Österreich) auf, der kühn behauptete, den weltweit ersten pneumatischen Reifen aus Polyurethan herzustellen.

Seine Logik war sehr simpel und entsprang der Nachfrage aus den Entwicklungsländern, ob er denn „Schuhe für Autos" machen könnte! Zu dieser Zeit bestand sein Hauptgeschäft aus der Herstellung von gespritzten PU-Sohlen für Straßen- und Militärschuhe, hierzu kooperierte er bei wichtigen Projekten mit den Ostblockländern, die quasi um die Ecke waren. Tatsächlich wurde dort der erste thermoplastische Schischuh im Spritzgussverfahren entwickelt, der damals sofort von der Schiwelt abgelehnt wurde, da er unhygienisch sei und den traditionellen Lederschuh niemals ersetzen könne. Waren Sie unlängst Schifahren? Haben Sie irgendwelche Lederschischuhe gesehen?

Wenn diese Reifen funktionieren und dem Diagonalreifen überlegen sind, könnte die sich entwickelnde Welt die riesigen Investitionen sparen und sich auf diese einfache, kosteneffiziente Technologie stürzen. Zusätzlich, da die Rohstoffe, das Polyol  und das Isocyanat, alle auf Erdöl basieren, würde die arabische Welt auch ein persönliches Interesse daran haben - und so begann alles im Jahre 1975.

Während der nächsten paar Jahre gab sich die gesamte Welt der Reifenindustrie die Türklinke in die Hand, um zu sehen, ob seine Idee a) irgendetwas taugt, b) eine Bedrohung darstellt oder ob c) man investieren oder d) ihn aus dem Verkehr ziehen sollte?!

Die Liste der Besucher war nicht nur ein „Who‘s Who" aus der Reifenindustrie sondern auch der Investoren, Banker, Diplomaten, Spekulanten und Industriespionen ... Wenn man bedenkt, dass der globale Reifenmarkt zu dieser Zeit etwa 50 Mrd. US$/Jahr betrug, war selbst der kleinste Marktanteil „Gold wert".

Entwicklung

In der Zwischenzeit, am Rande der Medienhysterie, wurde ein ausgewähltes kleines Expertenteam angeheuert, um den Prozess zu entwickeln und weitere Eigenschaften des Polyurethans zu entdecken, die man vorteilbringend in den Reifen einarbeiten könnte.

Der erste Schritt war natürlich eine simpel umgesetzte Technologie im „One-Shot"-Reaktionsspritzguss, so wurde eine Form durch einen Abdruck eines bestehenden Reifens hergestellt. Selbst heute nach Jahren beziehen sich die Reifenexperten, wenn sie einen PU-Reifen evaluieren, auf die Eigenschaften dieses Originalreifens! Das heißt, unakzeptabel für die modernen Bedürfnisse. Diese negative Einstellung war ein erheblicher Ansporn für das Entwicklungsteam, und bedeutete indirekt das Ende eines Schwalls von Industriespionen aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Fortsetzung in FAPU 72
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